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gute aussichten 2009/2010 - junge deutsche fotografie

29.04. – 30.05.2010 (Haus der Photographie in den Deichtorhallen) 


Junge deutsche Photographie – das müssen Sie lesen.

Die gewinnenden 8 aus 91 eingereichten Arbeiten, von 33 deutschen Hochschulen und Schulen, die den Studiengang Fotografie anbieten, werden derzeit im Rahmen des Wettbewerbs ´gute aussichten´ im Haus der Photographie in den Deichtohallen präsentiert.


Zu sehen sind komplexe photographische Projekte, die sich mit visuell aufwendigen Umsetzungen ihren Theamatiken annehmen. Da es sich um studentische Arbeiten, vor dem  Hintergrund von Hochschul-Aufgabenstellungen, handelt - ist der Tiefgang wohl Programm.


Hier zu sehen ein Ausblick auf die Gewinner und ein exemplarisches Werk  >>

ST Schwanitz


Die Initiatorin Josefine Raab zu der diesjährigen Auswahl:

Die Abwendung von medienimmanenten Möglichkeiten der Fotografie wie Spontaneität, Schnelligkeit und subjektive Kamera hin zum sorgfältigen Arrangement und der Schaffung eigenständiger Bildwelten, die Erforschung und Erweiterung der darstellenden Möglichkeiten der Fotografie und die Erprobung genreübergreifender Techniken sind im wesentlichen die Bild konstituierenden Phänomene, die bei den ausgewählten Arbeiten der neuen Preisträger eine Rolle spielen." Anders gesagt: Die Fotografie als reine Abbildung der Realität verliert, in Zeiten von Flickr & Co, weiter an Bedeutung. Der Wunsch der jungen Talente, das Medium Fotografie durch Gebautes, Konstruiertes, durch Inszenierungen, Arrangements und Modellierungen noch tiefer auszuloten und auszuschöpfen, charakterisiert ihre Arbeiten. Die "bildhafte Illusion" steht ganz im Vordergrund. 


Professoren von 33 deutschen Hochschulen und Schulen, die den Studiengang Fotografie

anbieten, haben 91 Arbeiten eingereicht, aus der die Jury acht Gewinner ausgewählt haben. 


Die diesjährigen Gewinner die in den Deichtorhallen präsentiert werden sind: Georg

Brückmann, HGB Leipzig; Philipp Dorl, FH Bielefeld; Sonja Kälberer, HGB Leipzig; Ute Klein, Folkwang Hochschule Essen; Ingo Mittelstaedt, HBK Braunschweig; Mona Mönnig, Folkwang Hochschule Essen; Shigeru Takato, KHM Köln und Anna Simone Wallinger, Lette-Verein Berlin. 


Die Jury bestand dieses Jahr aus der Initiatorin von "gute aussichten" Josefine Raab

(Wiesbaden), der Kunsthistorikerin und Fernsehjournalistin Wibke von Bonin (Köln), der

Leiterin der Kunstsammlung der DZ Bank Luminita Sabau (Frankfurt/Main), der

renommierten Foto- und Videokünstlerin Annelies Strba (Zürich), Mario Lombardo, Art

Director und Visual Leader vom Bureau Lombardo (Berlin), dem Fotochef der Zeitschrift

"brand eins" Stefan Ostermeier (Hamburg) und Ingo Taubhorn, Kurator des Hauses der

Photographie, Deichtorhallen, Hamburg.


Georg Brückmann: in situ

Den Gegenständen in ihrer aktuellen Form etwas von ihren Möglichkeiten, auch Wünschen zurückzugeben, die sie allein in ihrem Ursprungskontext

offenbaren, ist das Anliegen einer Archäologie an Ort und Stelle. Was bislang

einfach nur präsent war, kann nun in seiner gewachsenen Schichtung greifbar werden. „In situ“ ist dafür der Fachbegriff. Die drei Teile meines Diploms - das Buch, die Studien und die gerahmten Photographien - werden durch den Versuch zusammengehalten, das in der

gewöhnlichen Wahrnehmung eingeschlossene, immer unthematisch Mittransportierte sichtbar zu machen. Zwei Ebenen werden voneinander getrennt und dadurch aufeinander beziehbar: Kubus und Kugel, Malerei und Photographie, mein Atelier und ein im kollektiven Bildgedächtnis präsenter Ort der Moderne, der Gegenstand und sein ideales Gegenbild, sein Wunsch, sein Traum. Wie Ort und Stelle, von denen aus die Gegenstände betrachtet werden, unsere Erwartungen bestimmen, werden sie ebenso von der

Raumposition der Dinge und der Situation, der sie ihre Entstehung schuldig sind, konstituiert. Das sind die beiden ursprünglichen Plätze, die wie Schichten in den Dingen und zwischen ihnen stecken.  Beispielhaft könnte man sagen, ein Plastikstuhl und sein Charakter ist und bleibt ein Stuhl aus Plastik. Es sei denn der Bildgegenstand, der eben noch eine praktische Sitzgelegenheit war oder ein Zebrastreifen, steht jetzt in einem

unerwarteten Kontext, der bei aller Überlagerung dennoch eng mit ihmverbunden bleibt. Dieses Moment des Zusammentreffens, des schichtenhaften Bezugs, ist der nodale Punkt, an dem sich das Bild des Gegenstands zu drehen droht, zum Kippen kommt, sich Erwartung enttäuscht und Erfahrung beginnt. Hier wird der Gegenstand zu dem, was er hätte werden können, was er sein könnte, sein wollte oder gar sollte.


Philipp Dorl: ... nach Mass, Zahl und Gewicht …

In meiner Arbeit "… nach Mass, Zahl und Gewicht" wird die Fotografie als Trans-Medium zwischen Malerei und Bewegtbild verhandelt. Es geht mir um die Auslotung und Erweiterung des Mediums, besonders im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Malerei und Fotografie. Ich übertrage konkrete Bildkompositionen, künstlerische Konzepte und Strategien – wie etwa das Trompe-l'oeil – von der Malerei in die Fotografie und in das bewegte Bild. Alle Irritationen der Wahrnehmung des Betrachters basieren auf dem Umgang mit den elementaren Bildgegebenheiten in der analogen Fotografie und dem einfachen Loopen der Bewegtbild-Sequenzen. Die so über den Weg der Täuschung entstehenden Bild-Räume werden zu eigenen Welt-Räumen, ohne einen Referenz-Raum ausserhalb des Bildes.


Uta Klein: Resonanzgeflechte- Leibhafter Raum Resonant Entanglement- Bodily Space

In dieser Arbeit gibt es etwas über die Liebe zu sagen. Es spricht aus den Formen und Windungen der gestapelten, gedrehten und gebeugten Körper. Im Heben und Dehnen und Ringen. Im Falten, Umschlingen und Hängen. Die abgebildeten Paare wurden von mir als räumliches (plastisches) Material verstanden, das sich im Zusammenspiel zu einer skulpturalen Form modellieren lässt. Wesenszüge, Beziehungsgeflechte und Körpergefühle schreiben sich durch die Körpersprache in den performativen Akt ein. Körper wirken aufeinander und schwingen in der Wirkung des Anderen mit. Der Bildraum wurde als Bühne aufgefasst und die Kleidung als Kostüm der nicht mehr entwirrbaren, verschmolzenen Darsteller. Der Umgang mit Texturen, Mustern und Farben eröffnete eine zusätzliche inhaltliche und kompositorische Dimension. Das endgültige Formgebilde beschreibt den metaphorisch betrachtbaren, nichtmateriellen (dritten) Paarkörper und kann als Umstülpung des verborgenen Inneren nach Aussen betrachtet werden: raumgreifende, verknotete oder ineinander geschobene Kompositionen verkörpern komplexe emotionale Verflechtungen.


Sonja Kälberer: bel composto

Die Suche nach der Möglichkeit eines (fotografischen) Bildes führte 2004 erstmals zur Umwandlung eines von mir und meiner Familie bewohnten Zimmers. Anliegen war, das "Andere", "Untergründige" hervorzubringen - das Zimmer wurde Modell. Immer neue Bilder entstanden, die bildlich – bildnerische Auseinandersetzung wurde dabei zusehends abstrakter. So verschwanden Möbel und Alltagsgegenstände (als Metaphern des Wohnens) immer mehr, und fragile, impovisierte Einbauten aus rohen, oft selbst hergestellten, entfremdeten Materialien kamen ins Bild.  Das Andere hatte sich vom Konkreten des Ortes, von Vorstellung, Tagtraum und Erzählung gelöst, wurde abgründig, zum Unfassbaren. So bleiben mir die

elementaren Themen Dunkelheit und Licht, Auflösung und Form als Grund des Bildes: Vorhang vor dem Abgrund. 


Ingo Mittelstaedt: Capsules

Die Fotografien der Serie "Capsules" sind Gefässe, die materialisierte

Eindrücke und chiffrierte Erlebnisse meiner Reise durch die Türkei enthalten. Die abgebildeten Objekte stehen wie abgeschlossen von ihrer Umwelt, konserviert in Behältern oder Kapseln, für sich. Material: Holz, Müll, Tüten, die sich getrieben von den Elementen einen neuen Platz in der Welt suchen.  Aus etwas Gesehenem, das sich eingebrannt hat in das Gedächtnis, ein gültiges Bild zu machen, es zu bannen auf einem Bildträger – das ist für mich ein Prozess der Aneignung. Ich wollte ein in sich geschlossenes System mit einem inneren Bezug schaffen, welches sich aus (vor-) gefundenen Bildern, Elementen und der Umwelt speist. Diese Bilder oder Embleme sollen zwischen Bekanntem und Fremdem, zwischen Gefundenem und Inszeniertem oszillieren und gleichermaßen ein Gefühl von Vertrautheit und Verunsicherung hervorrufen. Sie sollen als reflektierende Oberflächen dienen, auf denen sich die Gedanken und Interpretationen des Betrachters spiegeln. Es sind Bilder, die einfach Bilder sein wollen und nicht zwangsläufig eine Subscriptio mit sich bringen.


Mona Mönnig:man-made wonders

Die Arbeit "man-made wonders" zeigt acht Rassetiere in einem Ausstellungskonstrukt ähnlich dem des Kuriositätenkabinetts. Es ist das Charakteristikum eines jeden Sammlungsgefüges Strategien des Sammlers und dessen Intention zu reflektieren. Der Wunsch nach eigener Schöpfung ist stets mit dem Wunsch des Sammelns verwoben, bildet man als Sammler doch ein Universum en miniature. Der Schöpfungsdrang ist ebenfalls in der gegenwärtigen Tierzucht erkennbar, in der sich heute das Zuchtziel

hauptsächlich auf Äußerlichkeiten der Individuen richtet. Das Prinzip des Sammelns wird so im doppelten Sinne kommuniziert. Das Interesse gilt nicht länger dem konkreten Tier, sondern dessen Abbild. Die Portraits verkörpern die Abwesenheit des Individuums und zeigen die unausweichliche Präsenz des Betrachters, also die des Menschen. Blicke werden nicht erwidert, der Betrachter begegnet dem Tier in einer fast panoptischen Situation.  Die verschiedenen Exponate werden zu einem reliquienhaften Objekt überhöht

und stehen für die menschliche Vanitas und in Folge dessen für die Warnung vor seiner Eitelkeit.


Shigera Takato: Our Elusive Cosmos

Landschaften auf der Erde vor dem Hintergrund der Erforschung des Weltraumes. Der Bezug variiert. Er kann faktischer, wissenschaftlicher, auch mythologischer und religiöser Art sein. Die Fotografien zeigen beispielsweise ein UFO Crash Test Gelände bei Mondsee in Oberösterreich, die heutige Landschaft eines Meteoriten Einschlags im Nördlinger Ries vor 14,5 Millionen Jahren, einen Ort bei Rupite in Bulgarien an dem eine Hellseherin mit Außerirdischen Kontakt aufnahm, ein Mondmanöver Testgelände in Island... 

Die Subjekte, um die es sich in den einzelnen Geschichten eigentlich dreht, sind in den Fotografien nicht vorhanden. Lediglich die Umgebungen, die Zeugen der Ereignisse wurden, sind abgebildet. Nur die Titel der Arbeiten lassen Schlüsse zu, was an diesen Orten geschehen ist. Die Bildserie fordert die Aktivität des Betrachters. Die angegebenen Bildinformationen regen ihn dazu an, die schweigenden Landschaften der Fotografien mit der eigenen Vorstellungskraft nachzuempfinden. Sie bieten einen Raum für Aspirationen unserer Fantasie, unserer Gedanken, unseres Glaubens. Gleichsam erzählen die Orte von unserem Interesse, von unserem Streben nach "oben". 


Anna Simone Wallinger: Container

to contain: beinhalten, aufnehmen, kontrollieren. Für Flüchtlinge und Asylsuchende, die in Berlin eintreffen, fungiert eine Containersiedlung in einem Industriegebiet vor Berlin-Spandau als Zentrale Aufnahmestelle. Eine (soziale) Infrastruktur ist in der Umgebung weder für Erwachsene noch Kinder vorhanden. So sind die Menschen, die hier untergebracht werden, in ihrem Sein auf den Aufenthalt in einem Wohncontainer beschränkt. Ein temporäres und vermeintliches Zuhause: Abschiebung, der Transfer in ein anderes Wohnheim oder eine eigene Wohnung können folgen. Bis ihr Asylverfahren entschieden ist, befinden sie sich im Ungewissen. Ein luftleerer Raum. Ausgehend von einem Politikum liegt der Fokus meiner Arbeit auf Menschen, die sich in dieser Situation befinden und mir erlaubten, ihren Wohnraum und ihre Geschichte zu teilen. 12 Stunden täglich in einem Container, jede halbe Stunde eine Aufnahme vom selben Standpunkt aus. Ein Leitgedanke ist dabei die Frage, wie das Leid anderer betrachtet werden kann, ohne dem platten Konsum anheim zu fallen. So lebt das Projekt von der Interaktion mit den

Bewohnern, welche sich hierbei selbst inszenieren: In der Auseinandersetzung oder nicht-Auseinandersetzung mit ihrer Lebenssituation und dem ihnen zugewiesenen Wohnraum – für manche wird dieser zum persönlichen Schutz- und Freiraum, für andere bleibt der Wohncontainer ein Nicht-Ort, der einschränkend funktioniert. Momentaufnahmen, die sich zwischen Ohnmacht und Strategien zur Selbsthilfe, Ausnahmezustand und Alltag bewegen.


Hier gibt es mehr zu sehen:

Ausblick auf die Gewinner und Werk  >>


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Georg Brückmann: in situ - gute aussichten 2009/2010 - junge deutsche fotografie - 29.04. – 30.05.2010 - Haus der Photographie - Deichtorhallen Hamburg

Mona Mönnig: man-made wonders - gute aussichten 2009/2010 - junge deutsche fotografie - 29.04. – 30.05.2010 - Haus der Photographie - Deichtorhallen Hamburg